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„Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat!“

Es waren Sätze wie dieser, bei denen alle Schüler und Schülerinnen der Jahrgangsstufe 10 ruhig auf ihren Plätzen in der Aula saßen und die volle Aufmerksamkeit nach vorne richteten. Holocaust-Zeitzeugin Erna de Vries verschaffte uns am 1. März 2018 einen Einblick in die Erlebnisse der Judenverfolgung während ihrer Jugend.

Die heute 94-Jährige wurde 1923 in Kaiserslautern geboren. Sie ist als einziges Kind ihrer jüdischen Mutter (zeitweise zusammen mit ihrem Cousin) aufgewachsen. Ihr evangelischer Vater verstarb 1931 und hinterließ seiner Familie ein Transportgeschäft. So wurde Mutter und Tochter der Ernährer und Beschützer genommen und sie waren mit ihrem Ersparten auf sich allein gestellt.

Bevor die schrecklichste Zeit ihres Lebens im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau begann, hatte Erna de Vries mit vielen Anfeindungen als Folge ihrer Religion zu kämpfen, worunter sie sehr litt. Immer wenn sie einen Neuanfang starten wollte, wurden ihr Steine in den Weg gelegt. Für Frau de Vries bildete dabei immer die Bindung zu ihrer Mutter den Mittelpunkt. Dies half ihr, nach Rückschlägen weiterzumachen, wie zum Beispiel, als das jüdische Krankenhaus in Köln, in dem sie ihren Traum, Ärztin zu werden, verwirklichen wollte, arisiert wurde und eine andere Benutzung fand, so dass dort keine Zukunft ermöglicht wurde.

Kurz nach der Rückkehr zu ihrer Mutter nach Kaiserslautern bekam sie während der Arbeit in einer Eisengießerei die herzzerreißende Nachricht: Ihre Mutter solle deportiert werden. Frau de Vries war jedoch bereit, alles zu riskieren, um bei ihrer Mutter zu bleiben. „Lassen Sie mich doch mit ihr! Sie wissen doch, in ein oder zwei Monaten werde ich sowieso deportiert.“ Das waren die Worte, mit denen sie den Beamten umstimmen konnte, sie mitzunehmen.

Damit begannen die grausame Reise nach Auschwitz und der Abschied von Kaiserslautern, ihrer Heimat, mit der sie damals wie heute ihre gestohlene Jugend assoziiert. Nach ihrer Ankunft wurden Mutter und Tochter in einen Quarantäne-Block gebracht. Alles wurde ihnen genommen. Wirklich alles, sogar ihre Namen! Tausende Frauen wurden nackt und rasiert in eine Baracke gepfercht, mit einer eintätowierten Nummer unter der Haut - bei Erna de Vries war es die Nummer 50462.

Hungern, Leiden, „Vernichtung durch unnötige Arbeit“- zwischen all dem gab es bei ihr immer einen kleinen Funken Hoffnung auf eine Überlebenschance.  Aber eines Tages war es doch soweit - Ende des Sommers im Jahre 1943. Erna de Vries wurde ausgewählt und in Block 25 versetzt. Nicht in irgendeinen Block. Es war Block 25. Der „Todesblock“. Alle wussten, dass es sich bis zur Vergasung nur noch um Stunden handeln konnte. „Und wer wollte schon freiwillig in den Tod gehen?“- Ein Satz, der die Situation der über 600 Frauen zum damaligen Moment im „Todesblock“ genau erfasst...

Der Tag war gekommen, sie sollten vergast werden. Sie alle sollten vergast werden. Erna de Vries ließ sich fallen. „Noch ein allerletztes Mal die Sonne sehen und zu Gott beten.“ Und dann, zwischen all den Panikschreien, hörte sie einen Namensruf. Nein, Namen hatte sie ja alle nicht mehr. Es war ein Nummernaufruf - Ernas Nummer, die 50462.

„Mensch, du hast mehr Glück als Verstand!“- ein SS-Mann nahm sie zur Seite. Alle „Halbjuden“ sollten ins Konzentrationslager nach Ravensbrück verlegt werden. So wurde Erna de Vries vor dem sicheren Tod bewahrt.
Ihr einziger Wunsch: ein letztes Wiedersehen mit ihrer Mutter. „Es war furchtbar, genau zu wissen, dass es das letzte Mal sein wird.“ Während der Weg von Frau de Vries ins Konzentrationslager nach Ravensbrück führte, führte der Weg ihrer Mutter, wie der so vieler anderer auch, ins Gas.

„Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat“, das waren die letzten Worte ihrer Mutter, fest von dieser Aussage überzeugt. Und genau das tut Erna de Vries heute! Seit 1987 erzählt die Zeitzeugin an unzähligen Schulen ihre Geschichte. Aber sie spricht mit ihrer Geschichte nicht nur über ihr eigenes Schicksal, sie erzählt die Erfahrungen von tausenden anderen Holocaust-Opfern, die nicht überlebten.

Das Überleben von Erna de Vries war möglich durch Hoffnung, physische wie auch psychische Stärke, Lebenswillen und viel Glück - so konnte sie nach einem langen, anstrengenden Weg von Kaiserslautern über Auschwitz und das Frauen-KZ Ravensbrück nach 1945 im Emsland neu beginnen.

Was bis heute jedoch bleibt, sind traumatische Erinnerungen. So traumatische Erinnerungen, dass keine Worte geeignet sind, sie zu vermitteln. Die Häftlingsnummer ist auf der Haut noch immer sichtbar: die 50462.

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