Franziskanische Leitlinien
Leitlinien
Franziskus von Assisi wollte nichts anderes als nach dem Evangelium leben. Seine Schriften entwickeln kein pädagogisches System. Doch können Lehrer und Erzieher, Eltern und Schüler, Schwestern und Pfleger, Kranke und Hilfsbedürftige, alle, die in einer Franziskanischen Dienstgemeinschaft arbeiten, alle, die für ihr Leben Orientierung suchen, konkrete Situationen seines Lebens befragen. Die radikal gelebten Antworten des Franziskus können ein Anstoß sein, den eigenen Weg zu bestimmen und immer wieder zu überprüfen. Diese Leitlinien wollen unruhig machen und ermutigen.
Der Aussätzige
Die Art und Weise, wie Franziskus dem Aussätzigen begegnet, setzt Maßstäbe für das Leben und Arbeiten in franziskanischen Schulgemeinschaften. Wie Franziskus müsste sich jeder auf den anderen Menschen wirklich einlassen und insbesondere eine Notlage des anderen erkennen und der Hilfe in einer aktuellen Not den Vorrang vor anderen Aufgaben einräumen. Er müsste sich auf eine Ebene mit dem anderen begeben und ihm zeigen, dass er ihn als Menschen wichtig nimmt; er müsste besorgt sein, ihn durch Hilfeleistung nicht zu beschämen. Zuwendung schließt die Bereitschaft ein, Risiken einzugehen und sich Menschen mit uns unbequemen Verhaltenweisen und Forderungen zu stellen. Gewiss setzt ein Erziehungs- und Dienstverhältnis die Anerkennung vertraglich verpflichtender Regelungen, etwa in einer Grundordnung oder Hausordnung, voraus; aber auch jeder, der hinter ihrem Anspruch zurückbleibt, verdient Aufmerksamkeit und Respekt.
Für Franziskus, den jungen, reichen Sohn eines Tuchhändlers, wird die Begegnung mit einem Aussätzigen zu einem Schlüsselerlebnis. Als er auf einen der vielen Ausgestoßenen trifft, außerhalb der sichernden Stadtmauern, steigt er vom Pferd und übergibt ihm die Münze mit einem Kuss. Im Testament schreibt er, es sei ihm bis zu diesem Augenblick unerträglich bitter erschienen, Aussätzige auch nur anzusehen. Dieser Schritt aber habe ihm Leib und Seele mit übergroßer Freude erfüllt.
Mündigkeit
Die Haltung des Franziskus gegenüber seinem Vater drückt seine Absage an dessen Wertewelt aus. Diese Absage schafft ihm die innere Freiheit, der eigenen Berufung folgen zu können. Eigenverantwortliche Lebensgestaltung bedeutet einen lebenslangen, oft schmerzlichen Prozess der Ablösung. Erst Mündigkeit ermöglicht frei bejahte Bindungen und eine geschwisterliche Beziehung zum anderen Menschen, so wie Franziskus in allen Menschen Söhne und Töchter des himmlischen Vaters sah. Sein Vorbild verlangt eine Absage an bloßes Karrieredenken, ein Abrücken von einer Bewertung des Menschen nach dem, was er leistet oder was er in der Gesellschaft gilt.
Franziskus verschenkt Geld, Tuche und sein Pferd an die Armen. Der Vater zeigt sich über das ihm unverständliche Verhalten des Sohnes enttäuscht und stellt ihn vor dem Bischof, den allein Franziskus als Richter anerkennen will, zur Rede. Franziskus gibt ihm zurück, was er auf dem Leibe trägt. Er lässt sich in den Mantel des Bischofs hüllen und bekennt sich mit Entschiedenheit zu „unserem Vater im Himmel". Damit zerschneidet er persönlichste Bindungen, weil anders er von Reichtum und Bürgerstolz sich nicht lossagen kann. So hat er die verwandtschaftlichen Beziehungen des Menschen mit Gott neu entdeckt.
Baustelle Kirche
Der Bau der Kirche ist noch nicht vollendet. Franziskanischer Auftrag ist, wie Franziskus mitzuhelfen, dass die Kirche als Volk Gottes auf dem Weg lebendig wird. Neubesinnung im Geiste des Franziskus heißt, Schwächen und Mängel der Kirche zu sehen und aus Liebe zu ihr an einer Erneuerung mitzuarbeiten. Die radikale Armut des Franziskus mag nicht jeder nachvollziehen k6nnen. Sie ist aber ein Zeichen für die Ablösung von den Dingen und die Hinwendung zu Gott und den Menschen, zu der wir alle eingeladen sind. Dies kann sich auf unterschiedliche Weise äußern: als Einfachheit des Lebensstils; als Bereitschaft, das Streben nach Einfluss und Macht immer neu zu überprüfen; als das Bemühen, Wissen, Erfahrung und Amtsbefugnis nicht gegen den anderen auszuspielen; als Wegschenken von zeit und Aufmerksamkeit; als sozialer Dienst für Benachteiligte; als gründliche Arbeit und als Bereitschaft, Belastungen auszuhalten; als Übernahme von Verantwortung in der Schüler-, Eltern- und Mitarbeitervertretung; als Übernahme ungeliebter Aufgaben im Alltag.
Als der junge Franziskus in der verfallenen Kapelle San Damiano vor dem Kreuzbild um Klarheit für seinen Weg betet, hört er den Gekreuzigten sagen:"Geh hin und stelle mein Haus wieder her!" Mit einem Blick für das Nächstliegende und Praktische und mit natürlicher Begabung zur lebendigen und bildhaften Darstellung bessert Franziskus Mauer und Dach aus. Beim Tun erkennt er, dass die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden gemeint sei. Sie zu reformieren, beginnt er bei sich selbst: Der Kittel der Bauern und Hirten, geschnitten in der Form des Kreuzes, wird ihm äußeres Zeichen der Armut und der Solidarität mit den Armen auf seinen Wanderwegen als Kinder des Evangeliums.
Dialog
Missionarisches Wirken im Franziskanischen Sinn heißt:
- die eigene Berufung mit Entschiedenheit leben, sich in alle Begegnungen selbst ganz einbringen, dem anderen jedoch genügend Raum zur Suche nach der Wahrheit lassen, damit er seine Antwort in Freiheit geben kann.
- Jede Begegnung mit dem anderen Menschen soll durch Wertschätzung seiner Person und seines konfessionellen und kulturellen Lebensraumes gekennzeichnet sein. Diese Wertschätzung soll nicht mit unangemessenen Erwartungen und Bedingungen verbunden werden, denn sie wurzelt in de Glauben, dass jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen und durch das Kreuz erlöst ist.
- Aufmerksame Dialogpartner achten auf den rechten Zeitpunkt für einen Hinweis oder ein Klärung wichtiger Frage. Sie verstehen Erziehung als einen lebenslangen Prozess.
- Bei Differenzen und Konflikten sollten die Standpunkt geklärt und die Entscheidungen begründet werden. Franziskanische Erziehung will zum Frieden befähigen.
Während des Kreuzzugs in Ägypten begibt sich Franziskus zum gegnerischen Kriegsherren Sultun Melek el Kamil. Er verkündet ihm die Wahrheit des Evangeliums, ohne Absicherung, ohne den Schutz der Waffen. Der Sultan, beeindruckt, erweist sich als gebildet und tolerant und will Franziskus ehren, während dieser den Martyrertod erwartet hatte. Unter dem Eindruck dieser Begegnung schärft er den Brüdern ein, sie sollten das Evangelium nur verkünden, wenn ihnen deutlich geworden sei, dass Gott selbst es wolle; im übrigen aber sollten sie ohne Zank und Streit sich mitten unter den Menschen dieser Welt als Christen bekennen und Brüder aller Menschen sein.
Schöpfung
Das Verhältnis des modernen Menschen zu Welt und Umwelt ist widersprüchlich. Einerseits weiß er nun um die Bedeutung der Welt als Lebensraum und sucht ihrem Genuss Erfüllung zu finden, andererseits entwertet er sie durch Ausbeutung und Verschwendung. Für Franziskus dagegen spiegelt die Welt Gottes Allmacht, Weisheit und Güte und ruft zu Freude und Dankbarkeit auf. Deshalb müssen wir der Schöpfung ehrfürchtig und verantwortungsbewusst begegnen und sie als unsere Umwelt achten und schützen. In der gleichen Grundhaltung sollten wir allen Menschen in Geschwisterlichkeit gegegnen und sensibel werden für die Lebensprozesse von Werden und Vergehen. Selbst schwere Krankheit und Enttäuschung über Unverständnis und mangelnde Liebe vermögen ihn in seiner positiven Zuwendung zur Welt nicht zu erschüttern.
Franziskus erkennt die Spuren Gottes in der Schöpfung. Vor allem den Tieren ist er zugetan und spricht zu ihnen wie zu seinen Geschwistern. Im „Sonnengesang“ preist er Gott für die Schöhnheit und Nützlichkeit der Gestirne, der vier Elemente und der Mutter Erde mit ihren Blumen und Früchten. Selbst den „Bruder Tod“ begrüßt er, weil er denen , die Gott suchen, im letzten nicht schaden kann. Mit seiner ganzen existenz unterstellt er sich in der Gemeinschaft seiner Brüder und Schwestern als „unnützer Knecht“ dem „höchsten, allmächtigen Gott“. Zugleich wagt er in unerhöhrter Einfalt, sich als Bruder der Geschöpfe und gar als Bruder des gekreuzigten Christus zu verstehen.
Krippe, Kreuz, Altar
Wenn für Franziskus die Welt Spiegel und Gefäß Gottes ist, dann kann in franziskanischer Nachfolge eine Auseinandersetzung mit der Welt auf rein verstandesmäßige Weise oder nur unter den Gesichtspunkten von Leistung und Nützlichkeit nicht genügen.
Gottes Gegenwart offenbart sich vielmehr auch, und zwar in besonderer Weise, in der Leiblichkeit und im Gemüt des Menschen. Phantasievolles Einbeziehen von Leib und Gefühl in Spiel und Feier kann die Vielfalt der Wirklichkeit aufschließen. Insbesondere musisch-künstlerisches Gestalten vermittelt zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Leistung und Entlastung und bereichert den Alltag. Von Franziskus können wir neue Formen der Aufmerksamkeit lernen, indem wir auch Alltagssituationen und Augenblicke der Muße bewusster erleben und uns trotz mancherlei Belastungen zur Freude anregen lassen. Eine franziskanisch geprägte Gemeinschaft wird mit besonderer Aufmerksamkeit die Gegenwart Christi in der Eucharistie feiern.
Die Gegenwart Christi in dieser Welt erfährt Franziskus in vielfältiger Weise und erlebt sie unmittelbar nach: Im Wald von Greccio gestaltet er eine erste Krippenfeier, auf dem Berge Alverna empfängt er die Wundmale des Gekreuzigten, und in der Eucharistie feierst er die „erhabene Demut“ Gottes unter den Menschen.
Krippe, Kreuz und Altar sind die zentralen Zeichen seiner lebendig-anschaulichen Christusnachfolge.
Schlusswort
Wenn wir in dieser Weise vom Leben des Franziskus erzählen hören und uns von ihm Leitlinien für das Zusammenwirken auf pädagogischem Feld geben lassen, mag uns im Rückblick deutlich werden: Franziskus war kein bequemer Heiliger, denn er lebte das Leben des menschgewordenen Gottessohnes nach in radikaler Armut und Hingabe seiner selbst. Andererseits gibt es wohl kaum einen Heiligen, der so schöpferisch und befreiend die Brücke schlägt zwischen Mensch und Gott und den Menschen untereinander. Franziskus lebte zwar in einer einzigartigen Gottesnähe, aber im Grunde ließ er sich schlicht und einfach vom Worte Gottes leiten, das zu befolgen alle Menschen berufen sind. Ohne Pädagoge zu sein, wird Franziskus zum Lehrmeister: Er fordert auf zu lebenslangem Lernen, zur Bereitschaft, bequeme Vorstellungen hinter sich zu lassen und neue Wege zu suchen, zum Verzicht auf Besitzdenken und Machtpositionen, zum genauen Hinschauen und Hinhören, zur Freude, zum Achtgeben auf Utopien und Träume vom je Besseren.
Die hier aufgezeigten biographischen Situationen und ihre Deutung sind wie Momentaufnahmen, die alle im Erziehungsprozess Stehenden für ihren Lebensbereich auswerten sollten.






