Philosophie

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Philosophie

Fragen lernen

„Was also ist die ‚Zeit’? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht.“ Augustinus fasst in seinen autobiographischen Bekenntnissen beim Thema Zeit in wenigen Worten eine Grunderfahrung philosophischer Reflexion zusammen: wenn wir über das, was uns selbstverständlich gut, gerecht, schön usw. erscheint, Auskunft geben sollen, werden wir uns unseres Nicht-Wissens, unserer Erklärungsnotstände, vielleicht auch unserer Vorurteile und ungeprüften Annahmen bewusst, beginnt das Stammeln und das Ringen um die richtigen Fragen vor allzu schnell formulierten Antworten.

Dazu braucht Philosophie Zeit. Gutes Nachdenken, nachvollziehbar entfaltetes Denken ist selten schnelles Denken. Nicht mit Rechenmaschinen Schritt zu halten, sondern mit Hilfe philosophischer Vordenker den Dingen und dem, was nicht dinghaft fassbar ist, auf den Grund zu gehen, ist das Ziel. Wer ihm näherkommen will, muss lernen, kleine Schritte zu machen, logisch zu argumentieren, mit sich selbst einig zu sein und zugleich kommunikativ Anderen mit ihren Standpunkten zu begegnen, er muss sich um Verständlichkeit bemühen.

Was ist wahr? Was ist moralisch verantwortbar? Immer wieder die Frage „ti esti ..., d.h. was ist ...?“ stellt Sokrates den Menschen auf dem Marktplatz von Athen,  in der Hoffnung den Nicht-Gleichgültigen, sondern den Aufmerksamen, Beunruhigten, Nachdenklichen zu treffen. „Aus Verwunderung fingen die Menschen früher wie jetzt noch an zu philosophieren; sie wunderten sich anfangs über das Befremdliche, das ihnen begegnete, allmählich gingen sie auf diesem Weg weiter und stellten sich auch über Größeres Fragen, z.B. über den Wechsel des Mondes, über den Lauf der Sonne, über die Sterne und über die Entstehung des Alls.“ Aristoteles sieht im Erstaunen den Anfang allen wissenschaftlichen Forschens, das sich dann in den verschiedenen Bereichen der Physik, der Biologie, der Politik, der Theologie usw. aus der Philosophie kommend verselbstständigt hat. Verwunderung und Erstaunen, wie es Kindern geläufig ist, bleiben die Impulse der Philosophie. Sie lenkt den Blick auf Fragwürdiges, auf Löcher und Lücken unseres Erkennens und Verstehens, auf Unzuverlässiges, Trügerisches, nur scheinbar Wichtiges, um nach dem, was wirklich, verlässlich, beständig ist, zu fragen. Systematisches Philosophieren, methodisch konsequentes Nachdenken und die Bereitschaft zu breiter, umfassender Auseinandersetzung mit komplexen Positionen und Traditionen kann aber von Kindern nicht erwartet werden. Dies sind auch für Oberstufenschüler hohe Anforderungen. Philosophische Offenheit und Nachdenklichkeit kann gewiss manche Unterrichtsstunde schon in der Grundschule begleiten und bereichern, Philosophie als Unterrichtsfach dagegen blieb früher dem Abschlussjahrgang, der Oberprima, oder der Universität vorbehalten. Seit gut zwanzig Jahren ist es in Niedersachsen möglich und an der Ursulaschule im Fächerkanon der Sekundarstufe II und als Grundkursfach im Abitur etabliert.

Descartes wäre missverstanden, hielte man die Identitätsfindung für sein Anliegen. Diente sie nur der Selbstvergewisserung und der eigenen Sinnsuche, verdiente Philosophie diesen Namen nicht. „Einer hat immer Unrecht: aber mit Zweien beginnt die Wahrheit.“ sagt Nietzsche. Philosophieren ist eine dialogische Tätigkeit und sollte sich dabei der Gesamtheit der Welterfahrungen in Raum und Zeit stellen. Um die vielfältigen Problemzusammenhänge zu ordnen, sämtliche Fragen zu bündeln und auf eine letzte, umfassende zu beziehen, schlägt Kant (Logik. 1800) vor: „Das Feld der Philosophie ... lässt sich auf folgende Fragen bringen:

01 Was kann ich wissen?

02 Was soll ich tun?

03 Was darf ich hoffen?

04 Was ist der Mensch?

Anders als in Biologie, Gemeinschaftskunde, Geschichte oder sonstigen Fächern, die sich mit menschlichen Zusammenhängen beschäftigen, geht es im Fach Philosophie nicht mehr um die Lösung spezieller Fragen oder die Erklärung von Einzelheiten. Ihre Anliegen sind die kritische Prüfung stillschweigender Voraussetzungen, das Bemühen um - auch fächerüber-greifende – Zusammenhänge und der Dialog verschiedener denkbarer Positionen untereinander. Die Kenntnis von Einzelheiten, das Wissen der Spezialfächer soll und darf dabei nicht ignoriert werden, die Zusammenarbeit ist unverzichtbar und findet nicht nur in Projektwochen, sondern nach gemeinsamer Absprache möglicherweise auch in einem Wochenendseminar oder in sonst einem anderen Kontext als dem zwei- oder dreistündigen Grundkursunterricht statt.

Der Lehrplan lässt zum Glück viele Freiheiten. Er fordert für die Klasse 11 eine Einführung in philosophisches Denken in verschiedenen Teilgebieten und für die Jahrgangsstufe 12 die Auseinandersetzung mit der Wahrheitsfrage und ethische Reflexionen. In der Jahrgangsstufe 13 ist die Themenfestsetzung in Abstimmung mit den Interessen der Schüler möglich. Praktische, d.h. dem menschlichen Handeln zuzuordnende, und theoretische, d.h. auf Erkenntnis bezogene Philosophie müssen in allen drei Jahrgangsstufen gleichmäßig berücksichtigt werden. Der praktischen Philosophie zugerechnet werden Ethik, Geschichts-, Rechts- und Staatsphilosophie, ferner Sozial-, Religions- und Kulturphilosophie. Unerlässlich ist dafür die Auseinandersetzung mit Fragen nach der Begründung und den Grenzen menschlicher Freiheit. Zur theoretischen Philosophie zählen die Rahmenrichtlinien neben Logik, Ontologie und Metaphysik auch Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, zudem Natur-, Sprach- und Kunstphilosophie, Ästhetik. Neben der Beschäftigung mit den Problemdarstellungen und Lösungsversuchen philosophischer Autoren aus Geschichte und Gegenwart wird die Argumentation jedes einzelnen Kursteilnehmers im Gespräch miteinander gefordert, sein Wille, aus selbstverschuldeter Unmündigkeit herauszutreten. Jeder soll die von Kant so anschaulich beschriebene Erfahrung machen: „Statt dessen, dass bis dahin andere für ihn dachten und er bloß nachahmte oder am Gängelband sich leiten ließ, wagt er jetzt, mit eigenen Füßen auf dem Boden der Erfahrung, wenn gleich noch wackelnd, fortzuschreiten.“

Elmar Holtz-Meynert

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